Die Stonewall-Riots in der Christopher Street in New York City im Juni 1969 werden oft als Initialzündung für die moderne LGBTIQ-Bewegung in der schwulen Geschichte angesehen. Tagelang kämpften queere Menschen gegen Polizeigewalt, was zur Entstehung von CSDs weltweit führte. Doch schon einige Jahrzehnte früher, zwischen 1864 und 1933, entstand in Deutschland und Berlin die „erste homosexuelle Emanzipationsbewegung der Welt“. Diese Bewegung wurde 1933 von den Nazis vernichtet und war nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden. In den letzten Jahren wurde dieser wichtige Teil der schwulen und queeren Geschichte jedoch wiederentdeckt. In der Berliner Stadtführung „Berlins Geschichte der Sexualität“ kann sie nun in Augmented Reality erkundet werden – ebenso in der gleichnamigen Online-Entdeckung!

Inhaltsverzeichnis:

  1. Karl Heinrich Ulrichs und frühe LGBTIQ Identitäten
  2. Die Gründung des Deutschen Reiches & Paragraph 175
  3. Christopher Isherwood und das schwule Leben im Berlin der Weimarer Republik
  4. Magnus Hirschfeld und der wissenschaftliche Kampf für die Rechte schwuler und bisexueller Männer
  5. Die Ausrottung durch Nazi-Deutschland

1. Karl Heinrich Ulrichs und frühe LGBTIQ Identitäten

Die Stadtführung über Berlins Geschichte der Sexualität in Augmented Reality beginnt wie die Geschichte der ersten LGBTIQ-Bewegung der Welt: mit Karl Heinrich Ulrichs – einem Mann, der lange vor der Entstehung der Idee einer homosexuellen Identität geboren wurde.

Fehlende Identitäten

Die Stadtführung erklärt, dass LGBTIQ-Identitäten im frühen 19. Jahrhundert nicht existierten. Das bedeutet, dass gleichgeschlechtliche Anziehung und geschlechts-nonkonforme Verhaltensweisen nicht als Teil der Identität einer Person betrachtet wurden (wie wir es heute sehen). Stattdessen sah man sie als Verhaltensweisen an, die man einfach abstellen konnte. Worte wie „schwul“, „bisexuell“ oder gar „Homosexualität“ gab es noch nicht. In der Folge konnten sich die Menschen nicht als solche identifizieren; es gab keine Schwulenrechtsbewegung mit einer gemeinsamen Identität – ein wichtiger Teil der schwulen Geschichte. Das änderte sich mit Karl Heinrich Ulrichs!

Karl Heinrich Ulrichs

Karl Heinrich Ulrichs war ein Jurist, Journalist und Lehrer, der am 28. August 1825 in Westerfeld im Königreich Hannover (heute: Kirchdorf in Aurich, Ostfriesland) geboren wurde. Im Alter von 14 Jahren hatte er seine erste gleichgeschlechtliche Erfahrung. Im Jahr 1859 wurde gegen Ulrichs ein vollständiges Berufsverbot verhängt, als bekannt wurde, dass er sexuelle Beziehungen zu anderen Männern hatte.

Frühe schwule Identitäten

In der Stadtführung erfährt man, wie Ulrichs 1864 die erste von insgesamt 12 Schriften mit dem Titel „Forschungen über das Räthsel der männlichen Liebe“ veröffentlichte – ein Meisterwerk der schwulen Geschichte. Das Wort „Homosexualität“ gab es noch nicht, also nannte Ulrichs es „Uranismus“ und schuf eine eigene Taxonomie, zum Beispiel:

  • Urning: von Geburt an männlich mit einer weiblichen Psyche, der sich sexuell hauptsächlich zu Männern hingezogen fühlt.
  • Uranodioning: ein bisexueller Mann.
  • Urningthum: männliche Homosexualität; wurde um die folgenden Begriffe erweitert:
    • Mannling: sehr männliches Auftreten, mit weiblicher Psyche und Sexualtrieb für feminine Männer.
    • Weibling: weiblich in Aussehen, Verhalten und Psyche, mit einem Sexualtrieb zu maskulinen Männern.
    • Manuring: weiblich in Aussehen und Verhalten, mit einer männlichen Psyche und einem Sexualtrieb für Frauen („femininer Heteromann“).
    • Zwischen-Urning: ein erwachsener Mann, der weder maskulin noch feminin ist und einen Sexualtrieb zu jungen “einfachen Jungs“ hat.
    • Konjunktiv: mit zärtlichen und leidenschaftlichen Gefühlen für Männer.
    • Disjunktiv: mit zärtlichen Gefühlen für Männer, aber leidenschaftlichen Gefühlen für Frauen („homoromantischer Heterosexueller“).
    • Virilisierte Mannlinge: männliche Urnings, die durch Zwang oder Gewohnheit gelernt haben, sich wie Dionings zu verhalten („heterolike“).
    • Uraniaster oder uranisierter Mann: ein Dioning, der situative Homosexualität praktiziert (z. B. im Gefängnis oder beim Militär).

Weil er diese ersten queeren Identitäten schuf und einen Grundstein der schwulen Geschichte legte, wird Karl Heinrich Ulrichs von dem berühmten deutschen Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch oft als „der erste Homosexuelle der Weltgeschichte“ bezeichnet.

2. Die Gründung des Deutschen Reiches & Paragraph 175

Vor den 1870er Jahren war männliche Homosexualität in einigen deutschen Staaten legal, in anderen jedoch illegal. Dann, 1871, führte die Vereinigung der deutschen Staaten zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches – dem Vorläufer des heutigen Deutschlands. Wie dies mit der weltweit ersten schwulen Emanzipationsbewegung zusammenhängt, zeigt die Stadtführung „Berlins Geschichte der Sexualität in Augmented Reality“.

Die Flucht von Karl Heinrich Ulrichs

Ein Jahr später, 1872, wurde der §175 in das deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen – ein wichtiger Teil der deutschen schwulen Geschichte. Er kriminalisierte den Analverkehr zwischen Männern (oder solchen, die bei der Geburt als männlich eingestuft wurden) in ganz Deutschland. Auf der Flucht vor der zunehmenden Verfolgung queerer Menschen und aus Frustration über die Erfolglosigkeit seines Kampfes für LGBTIQ-Rechte zog Ulrichs nach Italien, wo er 1895 als Ausgestoßener starb.

Eine wachsende Community in Berlin

Ende des 19. Jahrhunderts hatte die industrielle Revolution Berlin verändert; die Wirtschaft und die Bevölkerung der Stadt wuchsen dramatisch. Die Stadt wurde zum zentralen Eisenbahnknotenpunkt und Wirtschaftszentrum des Deutschen Reiches. Infolgedessen war Berlin liberaler als das übrige Deutschland. Viele Soldaten verkauften Sex im Berliner Tiergarten (ein Park, der noch heute für sein schwules Cruising-Gebiet bekannt ist). Dies lockte viele schwule und bisexuelle Männer sowie andere queere Menschen in die Hauptstadt. Bei der Statdführung über Berlins Geschichte der Sexualität kann man genauer erkunden, wie die industrielle Revolution und andere Ereignisse die sexuelle Freiheit in der Stadt geprägt haben.

Das Homosexuellendezernat der Berliner Polizei

Dennoch verfügte die Berliner Polizei über eine Abteilung, die für die Kontrolle der Homosexualität in der Stadt und die Durchsetzung des § 175 zuständig war. Der Leiter dieses Dezernats war Polizeidirektor Leopold von Meerscheidt-Hüllessem. Ironischerweise ebnete er mit seiner Strategie den Weg für Berlin zur schwulen Welthauptstadt. Bei der Stadtführung erfährt man, warum von Meerscheidt-Hüllessem glaubte, dass es einfacher wäre, den § 175 durchzusetzen und die männliche Homosexualität zu kontrollieren, wenn schwule und bisexuelle Männer ihre Bars, Clubs und andere Orte haben dürften. Solange es keine Störung der öffentlichen Ruhe gab, war die Zusammenkunft von schwulen Männern an sich kein Problem. Und es wäre laut Meerscheidt-Hüllessem viel einfacher, diese wenigen ausgewählten Orte zu kontrollieren, als jede einzelne Straße und jeden einzelnen Park in der ganzen Stadt zu überwachen. Aber das war nicht das Einzige, was Leopold von Meerscheidt-Hüllessem ungewollt für die schwule Community tat. Du kannst mehr erfahren, indem due entweder am Online-Erlebnis oder an der geführten Tour über Berlins Geschichte der Sexualität teilnimmst.

3. Christopher Isherwood und das schwule Leben im Berlin der Weimarer Republik

1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Deutsche Republik oder Weimarer Republik ausgerufen, und Deutschland wurde demokratisch. Nach fünf Jahren der Hyperinflation und politischer Unruhen folgte 1924 eine sechsjährige Phase größerer Stabilität, die oft als die Goldenen Zwanziger bezeichnet wird. Im Gegensatz zum übrigen Deutschland wurde der § 175 in Berlin weitgehend ignoriert. Dies führte zu einem Ausmaß an sexuellen Freiheiten, dessen Entdeckung den Kern der Stadtführung über Berlins Geschichte der Sexualität bildet.

Katzenfänger und Kellermeister

Infolgedessen ließen sich schätzungsweise 350.000 schwule und bisexuelle Männer in der Vier-Millionen-Metropole nieder. Schätzungen zufolge gab es für sie zwischen 1918 und 1933 (der Phase, auf die sich die Stadtführung zur Berliner Geschichte der Sexualität hauptsächlich konzentriert) bis zu 120 Bars, Cafés, Clubs und andere Orte. Ähnlich wie unsere Lederdaddys, Bären und Twinks heute, hatte die schwule Community in Berlin eine Vielzahl von Begriffen:

  • Schwule (männliche Schwule), Warme Brüder, Warme Onkel, oder 175er:
    Allgemeine Bezeichnung für schwule Männer
  • Androgyne:
    Hochkultivierte Menschen mit femininen Zügen: gezupfte Augenbrauen, gepudertes Gesicht, Lippenstift und viel Parfüm
  • Baumstümpfe:
    Männer mittleren Alters, die passiv beobachten, wie prostituierte Jungen in Schwulenbars der Arbeiterklasse Freier empfangen
  • Böse Buben:
    Junge Männer um die 20 Jahre, die in Gruppen unterwegs sind, auffällige Lederfetisch-Kleidung tragen, oft in Bars unterwegs sind und Drogen konsumieren
  • Breslauer (benannt nach der Stadt Breslau):
    Männer mit großen Penissen
  • Buben, Burschen oder Schlachterburschen:
    Gut aussehende und gut gebaute junge Männer aus der Arbeiterklasse, meist aufgeschlossen und fröhlich
  • Damen oder Schwestern:
    „Transvestiten“, wie sie damals genannt wurden. Aus heutiger Sicht würden sie sich wahrscheinlich als eine Mischung aus verschiedenen Identitäten identifizieren, darunter Drag Queens, trans* Frauen, geschlechts-nonkonforme und nicht-binäre Menschen
  • Gesellschaftsherren, auch Bären genannt:
    Sehr behaarte Männer, mit auffälligen Bärten, meist über 50 Jahre alt, die gerne in der Natur spazieren gehen
  • Katzenfänger:
    Sexuell submissiv oder “passiv”
  • Kellermeister, Tieflinge, Hengste, oder Jungböcke:
    Sexuell dominant oder “aktiv”
  • Tanten, Fette Papas oder Hausfrauen:
    Ältere und gewichtigere Männer, die oft übergroße Frauenkleider tragen

Christopher Isherwood

Bei einem Besuch in Berlin war der junge schwule Christopher Isherwood von der sexuellen Freiheit der Stadt so beeindruckt, dass er 1929 beschloss, in die Nollendorfstraße in Berlin-Schöneberg zu ziehen. Isherwood sollte später einer der einflussreichsten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden. In Berlin teilte er sich eine Wohnung mit Jean Ross. Diese Kabarettsängerin wurde zur Inspiration für Sally Bowles, eine Figur in Isherwoods Roman Lebwohl Berlin.

Die Inspiration für den Kit Kat Club in Berlin heute

Lebwohl Berlin und der „Vorläufer“ Mr Norris steigt um waren Isherwoods halb-autobiografische Romane über sein Leben im Berlin der Weimarer Republik. Sie wurden später als Musical verfilmt. Liza Minelli (die Mutter von Judy Garland) spielte die Rolle der Sally Bowles. Dieser Film war wiederum die Inspiration für den heutigen Kit Kat Club in Berlin. Im Jahr 1933 floh Isherwood mit seinem damaligen deutschen Freund Heinz Neddermeyer vor den Nazis aus Deutschland. Wie es mit den beiden weiterging, erfährst du bei der Stadtührung über Berlins Geschichte der Sexualität.

4. Magnus Hirschfeld und der wissenschaftliche Kampf für die Rechte schwuler und bisexueller Männer

Karl Heinrich Ulrichs mag als Außenseiter gestorben sein. Doch für den jüdischen Arzt Magnus Hirschfeld, den Begründer der modernen Sexualwissenschaft und einen der Hauptprotagonisten der Stadtführung über die Berliner Geschichte der Sexualität, wurde sein Werk von großer Bedeutung.

Die weltweit erste Organisation für LGBTIQ-Rechte

1897 war Hirschfeld in seiner Wohnung in Charlottenburg (heute ein Stadtteil von Berlin) Mitbegründer der ersten LGBTIQ-Rechtsorganisation der Welt: Das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee. Eines seiner Hauptziele: Abschaffung des §175! Der Deutsche Bundestag diskutierte einen ersten Versuch, den §175 durch eine Petition abzuschaffen, lehnte aber leider ab. Schließlich beschloss der Reichstag 1929 nach einem weiteren Versuch des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees, Homosexualität in den neuen Gesetzen nicht mehr zu bestrafen. Leider kam die Abschaffung des § 175 nicht zustande, da die Nazis 1933 die Macht übernahmen.

Schwule Wissenschaft

Weitreichend einflussreich für Hirschfelds Kampf, der nicht nur schwule Männer, sondern das gesamte LGBTIQ-Spektrum umfasste, war sein Buch Berlins drittes Geschlecht – eine gründliche Studie zur Homosexualität in Berlin. Das Gleiche gilt für seine Gründung der modernen Sexualwissenschaft und des weltweit ersten sexualwissenschaftlichen Instituts in Berlin-Tiergarten im Jahr 1919, das sich zu einem international sehr einflussreichen Institut entwickelte.

Der erste schwule Film der Welt

Im selben Jahr koproduzierte Hirschfeld „Anders als die Andern“, den ersten schwulen Film der Welt. Der Film porträtiert ein schwules Paar, das gegen die tödliche homophobe Gesellschaft und homophobe Gesetze kämpft. Hirschfeld spielt in dem Film sich selbst, einen wissenschaftlichen Experten, der dem Gericht erklärt, dass Homosexualität nur eine natürliche Variante des Menschen ist.

Hirschfeld hat noch viel mehr für die LGBTIQ-Community und die schwule Geschichte getan, was du in der Stadtführung zur Berliner Geschichte der Sexualität entdecken kannst.

5. Die Ausrottung durch Nazi-Deutschland

Doch mit der Machtergreifung der Nazis 1933 fand dieser wichtige Teil der schwulen Geschichte ein brutales Ende. Bereits ein Jahr zuvor hatte der neue Berliner Polizeidirektor die meisten queeren Clubs geschlossen.

Die Ausrottung der queeren Wissenschaft

Hirschfelds Institut war einer der ersten Orte, die von den Nazis angegriffen wurden. Glücklicherweise war Hirschfeld mit seinen beiden Partnern Li Shiu Tong und Karl Giese bereits aus Deutschland nach Frankreich geflohen, wo er zwei Jahre später starb. Dennoch zerstörten die Nazis alles im Institut. Sie verbrannten alle seine Bücher, Papiere und Studien vor der Humboldt-Universität in Berlin während der Bücherverbrennungen der Nazis.

Der Massenmord an schwulen und bisexuellen Männern

1935, ein Jahr nachdem Hitler seinen engen Freund, den Leiter der paramilitärischen NS-Organisation Sturmabteilung (SA) und offen schwulen Nazi Ernst Röhm ermorden ließ, verschärften die Nazis den § 175. Ein Kuss, eine Berührung oder ein falscher Blick reichten nun aus, um verfolgt zu werden. Es folgte die Auslöschung der weltweit ersten LGBTIQ-Rechtsbewegung, was sie um Jahrzehnte zurückwarf. Die Nazis begingen den größten Massenmord an schwulen und bisexuellen Männern und anderen queeren Menschen, den die Welt bis heute gesehen hat. Etwa 100.000 Menschen wurden von den Nazis nach §175 erfasst. Die Hälfte von ihnen wurde verurteilt, einige wurden in psychiatrische Anstalten eingewiesen, um dort „behandelt“ zu werden. Die Nazis schickten auch 10.000 bis 15.000 dieser „Rosa Winkel“ in Konzentrationslager, wo sie 60 % von ihnen ermordeten.

Entdecke diese vergessene schwule Geschichte online oder live in Augmented Reality

Die Geschichte der ersten Schwulenbewegung der Welt zeigt uns, wie zerbrechlich die Rechte sind, für die wir gekämpft haben. Ulrichs und Hirschfelds Werk, die Zeit der Schwulenbefreiung im Berlin der Weimarer Republik: Die Nazis haben alles zerstört. Unsere schwule Geschichte war lange vergessen, bis sie in den letzten Jahren wiederentdeckt wurde. In der Berlin Stadtführung Berlins Geschichte der Sexualität in Augmented Reality kannst du mehr über die schwule Geschichte Berlins erfahren. Mit einem iPad Pro, das dir während der Tour zur Verfügung gestellt wird, kannst du sogar alles in atemberaubender Augmented Reality erleben und so diesen wichtigen Teil der queeren und schwulen Geschichte wieder zum Leben erwecken! Wenn du nicht in Berlin bist, kannst du diesen spannenden Teil der queeren und schwulen Geschichte immer noch bequem von zu Hause aus erleben, indem du an der Online-Entdeckung über Berlins Geschichte der Sexualität teilnimmst!